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Joram Scher. Foto: Bachmann & Scher

„Sie müssen Geduld haben, wenn Sie Uhren kaufen“ – Joram Scher im Interview

Bei Joram Scher lernt man, wie wertvoll Zeit sein kann, aus ganz anderer Perspektive. Scher ist Experte für Vintage-Uhren und Partner des Münchener Uhren-Handelshauses Bachmann & Scher.

Spätestens, wenn er einem die alte Rolex Daytona ans Handgelenk legt und erzählt, warum alte Uhren Schmuck und Investment zugleich sein können – anders übrigens als richtiger Schmuck – ahnt man, dass solche Kapitalanlagen von Expertise profitieren. Scher erzählt im Interview, worauf man achten muss, wenn man mit Zeitmessern kein Geld verlieren will.

Geduld statt schneller Rendite

WELT AM SONNTAG: Bald ist Weihnachten. Viele überlegen jetzt, sich selbst oder anderen eine teure Uhr zu kaufen, mit dem Hintergedanken: Die ist nicht nur schön, die gewinnt auch an Wert. Ist das eine gute Idee?

Joram Scher: Grundsätzlich ja, aber nicht, wenn man unvorbereitet kauft. In der Corona-Zeit sind viele Menschen einfach losgelaufen und haben irgendeine teure Uhr gekauft, weil die Preise stiegen. Manche sagten danach zu mir: „Ich habe mir eine Wertanlage gekauft.“ So funktioniert das aber nicht. Eine Uhr ist – wie jede Kapitalanlage – etwas, das man verstehen sollte. Man würde ja auch keine Aktie kaufen, ohne sich vorher zu informieren.

WAMS: Wie informiere ich mich richtig, bevor ich 5000, 10.000 oder noch mehr Euro ausgebe?

Scher: Indem man sich Expertise holt, bei uns oder anderen, die sich wirklich auskennen. Nicht in einer Kette, die vor allem Neuware verkaufen will. Man muss verstehen: Welche Modelle haben Historie? Welche Referenzen sind begehrt? Welche Stückzahlen gab es? Das ist eine kleine Wissenschaft – aber eine, die sich auszahlt.

WAMS: Wenn wir uns die Preisentwicklung der vergangenen Jahre anschauen, sehen wir vor allem eines: fallende Preise. Da werden sich einige Käufer die Finger verbrannt haben.

Scher: Wenn Sie etwas kaufen, macht zuerst der Händler Gewinn. Die Faustregel lautet: Nach fünf Jahren bekommt man in der Regel sein Geld wieder oder sogar ein bisschen mehr. Es gibt Ausnahmen, da bekommen Sie nach fünf Jahren schon das Doppelte. Es gibt auch Uhren, die springen erst nach zehn Jahren um 200 bis 300 Prozent. Sie müssen Geduld haben, wenn Sie Uhren kaufen.

WAMS: Geduld muss man sich leisten können.

Scher: Stimmt. Ich erinnere mich an einen Kunden, dem ich eine sehr seltene Patek Philippe verkauft habe – ewiger Kalender, Schleppzeiger. Die Uhr war ihm damals fast ein bisschen klein. Jahre später sagte er immer wieder: „Sie ist noch nicht gestiegen.“ Acht Jahre hat es gedauert. Plötzlich war sie dreimal so viel wert. Das war für ihn eine Bestätigung: Der Markt belohnt Durchhalten – aber eben nicht sofort. Heute ist die Patek eine seiner Prunkstücke in der Sammlung.

Erst gefallen, dann rechnen

WAMS: Von schneller Rendite kann man da nicht reden.

Scher: Nein. Eine Uhr sollte man zunächst kaufen, weil sie einem gefällt. Sie müssen sie anziehen und sich sagen: „Toll, dass ich mir so etwas leisten kann.“ Wer nur auf die Rendite schaut, verpasst die eigentliche Freude am Sammeln.

WAMS: Haben Sie selbst so eine Uhr?

Scher: Ja. Eine frühe Rolex GMT-Master in Gelbgold, schwarzem Blatt, braune Lünette Minuterie-Ringe. Wunderschön. Spannend ist: Die Stahluhr aus der Zeit kostet vielleicht 5.000 Euro weniger. Material ist nicht immer entscheidend. Bei Uhren geht es eher um Seltenheit und Nachfrage.

WAMS: Mit ETFs macht man offensichtlich leichter Gewinn.

Scher: Kaufen Sie bitte keine Uhren mit dem Denken, das ist eine Aktie, die ich am Handgelenk trage, sondern mit der Haltung: „Ich will mein Geld nicht blöd ausgeben und mich gleichzeitig mit einer tollen Uhr schmücken.“ Das bekommen wir in sehr hohem Maße hin.

WAMS: Haben Sie auch Kunden, die nur der Investmentcharakter von Uhren interessiert?

Scher: Wir betreuen Sammler, die nur mit einem Investmentgedanken unterwegs sind. Die kaufen zum Teil seit den 2000er Jahren Uhren nach unserem Rat. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Als wir 2006 aus Japan zurückkamen, habe ich zum Beispiel empfohlen: „Kauft diese F.P. Journe für 30.000 Euro.“ Heute wird sie mit bis zu 600.000 Euro gehandelt. Aber sie müssen den Experten schon vertrauen – und dann 20 Jahre drüber vergehen lassen.

Kunden, Vertrauen und die erste Luxusuhr

WAMS: Dann haben Sie sicher auch zehn Stück davon in Ihrer Sammlung?

Scher: Nein, leider, ich war jung und brauchte das Geld. Wir haben immer wieder gedreht, verkauft, reinvestiert.

WAMS: Letztendlich ist das aber auch Glück. Kann man mit Uhren dauerhaft Rendite machen?

Scher: Fünf bis zehn Prozent pro Jahr sind zu schaffen, wenn man sich mit einem Experten zusammensetzt.

WAMS: Wie schwierig ist das Geschäft?

Scher: Wir sind in der privilegierten Situation, dass wir uns über jeden freuen, der kommt. Gleichzeitig haben wir bei manchen, sehr seltenen Uhren den Luxus, auswählen zu können, wem wir etwas anbieten. Wir haben Kunden, die nett sind, hier gekauft haben und mit denen wir gerne essen gehen. Die rufe ich zuerst an.

WAMS: Muss ich mich als Kunden bei Ihnen vom Erdgeschoss in den 1. Stock hocharbeiten?

Scher: Nein. Aber Vertrauen ist wichtig. Manche kommen mit einer sehr klaren Vorstellung – fünf, sechs hochspezialisierte Modelle. Mit ihnen geht man gleich tief in die Beratung. Da geht es nicht darum, etwas zu verkaufen, sondern Leidenschaft zu verstehen und zu begleiten.

WAMS: Ist das Weihnachtsgeschäft wichtig?

Scher: Absolut. Da werden viele Uhren und Schmuckstücke zwischen 1500 und 25.000 Euro verschenkt. Aber: Selbst sehr wohlhabende Kunden kaufen zu Weihnachten selten Uhren für sechsstellige Beträge. Ausnahmen gibt es. Aber für die meisten Menschen sind 5000 Euro schon sehr viel Geld.

WAMS: Richtig liquide sind Uhren nicht. Wenn ich schnell Geld brauche, dauert es, bis sie verkauft sind.

Scher: Wenn es die richtige Uhr ist und wir sie geprüft haben, geht das oft innerhalb einer Stunde. Spätestens nach einem halben Tag. Ob man dabei Gewinn oder Verlust macht oder den Kaufpreis zurückbekommt, hängt vom Modell ab. Selbst wenn man nach zwei Jahren nur sein Geld zurückbekommt, hatte man zwei Jahre lang den Spaß, das Stück zu tragen. Aber eines ist richtig: in puncto Liquidität schlägt nichts die Aktie. Knopf drücken, weg ist sie.

WAMS: Wie kauft man seine erste Luxusuhr?

Scher: Suchen Sie sich einen guten Experten, lassen Sie sich beraten. Gehen Sie nicht einfach in einen Retail-Laden, der primär Neuware verkaufen möchte. Wofür ist die Uhr gedacht? Täglich? Für besondere Abende? Als Wertanlage? Viele merken erst im Gespräch, was sie wollen. Und dann erst sucht man das passende Modell.

WAMS: Geht es da hauptsächlich um Stil und Geschmack?

Scher: Unbedingt. Eine Uhr muss man anprobieren. Viele wirken in der Hand völlig anders als auf Fotos – eine Ming zum Beispiel lebt von ihrer Dreidimensionalität. Proportionen, Dicke, Gewicht – das muss man erleben.

Vintage-Uhren und die Corona-Blase

WAMS: Warum raten Sie oft zu Vintage-Uhren?

Scher: Weil sie eine Seele haben. Produktion und Design waren früher mutiger, die Stückzahlen kleiner. Vintage ist immer individuell, fast einzigartig: Patina, Geschichte, Farbe. Für viele Sammler ist das die eigentliche Magie.

WAMS: Sind alte Uhren nicht anfälliger?

Scher: Ab den 1960er-Jahren nicht mehr. Ersatzteile gibt es, Hersteller revidieren alte Modelle professionell. Manchmal kostet das Geld, aber die Uhr ist danach wieder in Bestform und problemlos tragbar.

WAMS: Viele Menschen bereuen ihre Käufe aus der Corona-Zeit. Hatten sie Pech?

Scher: Sie haben in einer Blase gekauft. Wichtig ist: Keine dieser Uhren ist wertlos geworden. Der Markt hat sich beruhigt und stabilisiert. Wer langfristig denkt, hat wenig zu befürchten. Einige steigen gerade wieder deutlich!

Marken, Trends und das Vererben

WAMS: Farbenfrohe Zifferblätter sind seit ein paar Jahren Trend. Bleibt das?

Scher: Ja. Zum Beispiel die berühmten Rolex-Stella-Zifferblätter – orange, gelb, grün, blau – werden seit Jahren wiederentdeckt und steigen im Preis weiter.

WAMS: Bei welchen Marken macht man wenig falsch?

Scher: Rolex, Patek, Audemars Piguet, schöne Omega-Speedmaster-Modelle, zunehmend auch Cartier. Aber es gibt keine Garantie. Manche Patek-Modelle steigen, andere nicht.

WAMS: Von welchen Modellen raten Sie ab?

Scher (zögert): Von Hype. Manche Hersteller leben sehr vom Marketing. Andere liefern Substanz. Für mich zählt langfristige Qualität.

WAMS: Woran erkennt man, dass eine Uhr wirklich zu einem passt?

Scher: Wenn man sie nicht mehr hergeben will, selbst dann nicht, wenn man ein sehr, sehr gutes Angebot bekommt.

WAMS: Viele möchten ihren Kindern die Uhren vererben. Ist das sinnvoll?

Scher: Ein oder zwei Stücke, ja. Ganze Sammlungen? Bloß nicht. Der Spaß liegt im Sammeln, nicht im Erben.

Dieses Interview führte Jan Dams, Chefreporter von WELT AM SONNTAG. Es erschien zuerst am 29. Dezember 2025 auf WELT.de. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

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